Wenders Welt
#3 Drucken
Geschrieben von wender   
Donnerstag, 10. Dezember 2009

Das Taxi biegt um die Ecke. Sie wird gegen die Tür gedrückt, sie ist nicht angeschnallt. Hatte es vergessen und wird sich auch bis zum Aussteigen nicht daran erinnern. Was sollte sie den Leuten sagen? Sie wusste, dass sie die Wahrheit nicht glauben würden, so wie sie sie zuerst nicht glauben wollte. Also brauchte sie eine glaubwürdige Lüge.

Sie musste rasch handeln, denn es blieb keine Zeit mehr. Hatte sie Geld dabei? Sie kramt in ihrer Manteltasche, zwei Zehneuroscheine werden reichen… aber Moment, das war gar nicht ihr Mantel.

Sie war viel zu hastig aus dem Lokal aufgebrochen, nachdem ihr Wender ausgerechnet im Spiegel der Damentoilette aufgelauert hatte. „Na, hast Du mich vermisst?“ „Geh weg, oder…“ „Oder was? Willst Du mir drohen, mein Schatz?“ Er war sichtlich bester Laune und ohne Sorge, dass sie ihm je entkommen würde. Aber sie hatte einen Plan, von dem er, wie sie hoffte, noch nichts wusste. Sie hatte ihn damals gerufen, ja, aber sie konnte ihn auch wieder los werden. Wenn  alles klappte.

Der Wagen hält vor dem großen Tor der Klinik und sie steigt aus. Ihr ist mulmig und kalt. Werden sie ihr glauben? Und was, wenn nicht? „Guten Abend, meine Dame, Sie wünschen?"

 
#7865 Drucken
Geschrieben von wender   
Freitag, 6. November 2009

 Ungläubig und plötzlich beunruhigt öffnete Reiser die Augen und fand sich in einem unbekannten, von milchig weißem Licht erfüllten Raum wieder, in den kein Geräusch durch die weit geöffneten, hohen Fensterflügel hereindrang. Unsicher setzte Reiser  sich in dem zu großen Bett auf, das wie der Rest des Raumes von einem schmutzigen Weiß war. Er tappste zu den Fenstern, schlug die durchsichtigen, natürlich ebenso weißen Vorhänge zurück und starrte mit wachsender Bestürzung auf das Panorama einer ihm unbekannten Stadt, die nur in unterschiedlichen Weißtönen, von hellem Grau bis zu milchigem Blassgelb, unter einem kühlschrankweißen, hellen Himmel, an dem keine Sonne zu sehen war, in absoluter Stille vor ihm lag. Reiser erkannte keine der sich im endlos scheinenden Meer in verschiedenen Weißtönen abzeichnenden Silhouetten, hatte keine der gewaltigen weißen Kirchenkuppeln, keine der sich unter ihm erstreckenden Dachlandschaften aus weißgrauen Schindeln und keinen der sich am Horizont abzeichnenden hellen Industrieschornsteine je zuvor gesehen.
Reiser trat vom Fenster zurück und setzte sich auf das Bett. Angestrengt starrte er auf den weißen Vorhang, der das Fenster wieder vor seinem Blick verbarg, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie aus weiter Entfernung hörte er seinen eigenen Herzschlag stupide dahinhämmern, fühlte die Trockenheit, die sich in seinem Mund ausbreitete. Nach ungezählten Minuten riss ihn ein einsames Geräusch auf dem Flur aus seiner Schreckensstarre. Reiser stürzte zur Tür ins Treppenhaus. Hier waren die Wände weiß,  und der Aufzug, der sich in dem alten Stiegenhaus gerade geräuschvoll nach unten bewegte, trug in schmutzigem Weiß die vertrauten Zeichen rostenden Metalls. Reiser folgte ihm über die Treppenfluchten nach unten. Im Gehen bemerkte er, dass er selbst in einem weißen Schlafanzug stecke; seine Hände und nackten Füße wirkten im Kontrast zu seiner Umgebung fast unnatürlich rot. Als Reiser nach ungezählten Stockwerken im Erdgeschoß ankam, lagen sowohl Aufzug als auch Lobby verlassen da; unsicher bewegte sich Reiser auf bloßen Sohlen auf die hellgraue Eingangstür zu und betrat eine leere Stadt.
So weit sein Blick reichte fand sich kein lebendes Wesen; die Straßenzüge, beherrscht von weißen Fassaden, einmal schmucklos modern, ein anderes Mal von farblos weißen Stuckelementen verziert wie herrschaftliche Residenzen, lagen stumm vor ihm, und als er fassungslos die ersten Schritte auf dem ebenfalls weißen Asphalt getan hatte, wurde ihm mit einem Mal die erneut alles erdrückende Stille bewusst, die nur vom leise klatschenden Geräusch seiner Sohlen auf dem kühlen Asphalt durchbrochen wurde. Plötzlich konnte sich Reiser nicht mehr auf den Füßen halten und setzte sich schwer mitten auf der Straße auf den Boden. Wie war er hierhergekommen? Wo, nein, was war dieser Ort? War er tot? Träumte er? Die Rauheit des weißen Asphalts unter seinem Körper und der vertraute Anblick seiner wie immer zu kurz geschnittenen, schmerzenden Fingernägel sprachen dagegen, doch mit einem Moment durchblitzte ihn die aufsteigende Gewissheit, dass er sich an nichts erinnern konnte. Gewiss, er war Reiser, dies waren seine eigenen, vertrauten Hände, doch ansonsten war sein Gedächtnis leer, eine farblose, gähnende Wüste, die ihn in einen plötzlichen Schwindel von Zeitlosigkeit stürzte und bittere Magensäure in seiner Kehle aufsteigen ließ.

Er schüttelte benommen den Kopf, als er plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Hinter den Fenstern des vor ihm aufragenden Hauses hatte sich etwas bewegt, und schwerfällig rappelte Reiser sich auf und betrat den Hauseingang durch ein milchigweißes Portal. Im Stiegenhaus überfiel ihn plötzlich der nagende Zweifel, in welchem der Stockwerke er den Schemen gesehen hatte, aber im zweiten Stock hörte er undeutlich ein Geräusch, das ihn zu einer der vielen hohen Flügeltüren führte, die sich jedoch nicht öffnen ließ. Aus der Wohnung dahinter waren eindeutig Geräusche zu hören, und als sich Reiser angestrengt lauschend an das weiß lackierte Holz der Tür drückte, meinte er eindeutig das Geräusch halb erstickten, abgehackten Schluchzens zu hören. Laut klopfte er an die Tür, und das Weinen verklang augenblicklich. "Entschuldigen Sie", rief Reiser mit kratziger Stimme. Er räusperte sich und schlug fest gegen die Tür. "Machen Sie auf! Helfen Sie mir!" Die Stille, die auf das widerhallende Geräusch seines Klopfens folgte, war absolut; ein paarmal schlug Reiser noch gegen die Tür, bis er sich frustriert mit einem Fußtritt abwandte und seinen Weg hinaus auf die Straße suchte. Zum Teufel mit ihm, wer immer er war; wenn ihm selbst keine Hilfe zuteil wurde, sollte auch der Unbekannte allein bleiben und weinen, so viel er wollte. So musste er eben jemand anderen finden, der Licht in diese absurde Situation bringen konnte.

Stunden vergingen, in denen er durch die Straßen der weißen Stadt wanderte, ohne jemanden zu finden. Einige Male vermeinte er, eine weiß gewandete Gestalt zu sehen, die sich in großer Entfernung von ihm ohne erkennbares Ziel durch die Straßen bewegte; doch immer, wenn er meinte, das Phantom mit einem atemlosen Lauf zu erreichen, boten sich ihm nur leere Straßenzüge und Gassen, die von seinem schweren Atmen widerhallten. Das milchig weiße Licht, das die farblosen Fassaden der weißen Stadt beleuchtete, veränderte sich nicht. Sein Weg hatte ihn in Zickzackkursen quer durch die stumme Metropole geführt, er hatte gähnend leere Läden, Restaurants und Kirchen betreten, bis er, betäubt von seinen panischen Gedanken und müde vom langen Laufen, wiederum mitten auf einer Straße niedersank. Bleierne Müdigkeit umfasste ihn, und er wollte nur mehr schlafen. Ein Gefühl wortloser Verzweiflung und Gleichgültig erfüllte ihn, und Reiser erhob sich, schleppte sich zum nächsten Hauseingang. Nach mehreren Versuchen fand er eine unverschlossene Tür. Die Wohnung war ebenso leer wie jene, in der er am Morgen - war es der Morgen gewesen? dieser Morgen? - erwacht war, und Reiser fiel auf ein Bett und schlief.



Als er nach traumlosem Schlaf erwachte, war es ebenso hell wie zuvor. Bleierne Erschöpfung ließ ihn noch minutenlang mit geöffneten Augen im Bett liegen; schließlich erhob er sich und ging zum Fenster. Stumm boten sich ihm die leeren Gesichter der weißen Häuser dar, und minutenlang stand Reiser ohne einen Gedanken am Fenster, den starren Blick ohne zu blinzeln ins Leere geradeaus gerichtet. Auf der anderen Seite der Straße wurde ein Vorhang beiseite gezogen und eine Gestalt in Weiß beugte sich aus dem Fenster, den leeren Blick in die Ferne gerichtet, den Mund auf beinahe komische Weise grotesk in einem erstaunten O geöffnet. Wie vom Blitz getroffen suchte Reiser instinktiv und ohne nachzudenken Deckung hinter der Fensterbrüstung; sein Puls raste überlaut in seinen Ohren. Hier war ein anderer, und diesmal würde er ihn stellen. Vorsichtig zog sich Reiser vom Fenster zurück, raste durchs Treppenhaus nach unten und stürmte in das gegenüberliegende Haus. Da er das Phantom in einem der obersten Stockwerke gesehen hatte, drückte Reiser den Knopf des Aufzuges, der sich mit schnarrendem Ächzen nach unten, zu ihm ins Erdgeschoß, in Bewegung setzte. Und während Reiser wartete, den unsteten, zitternden Blick nach oben gerichtet, fiel ihm ein, dass er genau dieses Geräusch, das die sonst so drückende Stille unterbrach, bereits kannte. Er trat einen Schritt zurück, und dann noch einen, bis er plötzlich die Kälte der Mauer im Rücken spürte. Als er das Schlagen der Tür im obersten Stock hörte, wandte er sich in einem gedankenlosen Anfall von Schrecken zur Flucht, hastete über die Straße und fand sich, eine panische Ewigkeit des atemlosen Laufens später, in der Wohnung wieder, in der er erwacht war. Zitternd verschloss er die Tür und schleppte sich mit pfeifendem Atem, völlig erschöpft von seiner kopflosen Flucht, zum Fenster, um vorsichtig hinauszusehen.

Mitten auf der Straße saß der Fremde, weiß gekleidet, und als er plötzlich den Kopf hob, um genau in Reisers angstgeweitete Augen zu blicken, fuhr dieser wie vom Blitz getroffen unter die Brüstung und schüttelte wie in Trance wieder und wieder mit fest geschlossenen Augen den Kopf, bis sich eine tröstliche Taubheit über sein Denken legte und er nur noch wie von weit weg das Geräusch seines eigenen Schluchzens hörte, das sich, tierischen Lauten ähnlich, seiner zitternden Brust entriss. Während das weiße Licht der Stadt ungerührt seine schattenlosen Dächer, Mauern und Straßen beleuchtete, schrumpfte die Sekunde seines zitternden Atemholens ins Nichts und vergrößerte sich, bis sie eine Unendlichkeit von Zeitlosigkeit einnahm und Reiser mit lähmender Klarheit erkannte, dass er allein war wie immer.

 
#875454444444 Drucken
Geschrieben von wender   
Montag, 28. September 2009

 Es war die Stille,die die Stadt jedes Mal so fremd werden ließ und die Stein verriet, dass er sich aus dem Schutz des Unsichtbaren Hofes begeben hatte. Wo wenige Momente zuvor noch die Fetzen Dutzender Gespräche in den engen Gassentrichtern nach oben widergehallt waren, breitete sich mit dem Betreten des Platzes schlagartig die bleierne Stille aus. 

Wie jedes Mal hielt Stein kurz inne und atmete tief ein. Der verhasste Geschmack von Kreidestaub im Mund, wie jedes Mal. Stein seufzte, spuckte wenig zeremoniell neben sich zu Boden und machte sich auf den Weg. Der Platz war belebter als Stein ihn je zuvor gesehen hatte, und das dünne, fahle Licht, das die kalte, müde Sonne von direkt oben herabwarf, ließ die reglos Dastehenden noch gespenstischer erscheinen als sonst.

Diesmal waren viele Kinder auf dem Platz, bemerkte Stein, als er sich hastig an den wie versteinert dastehenden kalkweißen Statuen vorbeidrängte, fluchend über dem weißen Staub, der unweigerlich seine Spuren an seinem Mantel hinterließ. Eine Gruppe von kleinen weißen Statuen bildete ein ungerades Hindernis durch die Mitte des Platzes - zehn kleine Kinder, die sich auf ihrem Weg durch die anderen an den Händen gehalten hatten. Stein zog es vor, sich fluchend seinen Pfad an den anderen schweigenden Figuren vorbei zu bahnen, um ihre Kette nicht zu durchbrechen.

Nach mühsamen Minuten war es geschafft. Erleichtert erreichte Stein die weitere Gasse, die ihn zurückführen würde. Steins schwerer Atem erfüllte die Stille des Platzes; nichts sonst war zu hören. Mit einem Husten klopfte Stein schließlich seine Kleider ab. Der Zweite Sarkast warf einen letzten Blick auf die Szenerie. Der Staub setzte sich in langsamen Arabesken zwischen den Figuren.

- Bis zum nächsten Mal, flüsterte er schließlich, wandte sich ab und betrat mit entschlossenem Schritt wieder den Unsichtbaren Hof. 

 

 
wender schlägt zu Drucken
Geschrieben von wender   
Dienstag, 8. September 2009

 Ihre erste Begegnung mit Wender war einschneidend, aber unspektakulär. Er war da, immer wieder, er sprach nicht mit ihr, sah sie nur an.

Und sie sah ihn an, nicht zu lange, um sich nicht zu verraten, um geschützt zu bleiben.

Doch er wusste davon, oder zumindest nahm sie das an.

 

Und dann trafen sie doch aufeinander und er sagte: „ Komm, ich zeig dir etwas, das du nicht sehen kannst.“ Sie wollte zunächst nicht und wollte doch, sträubte sich, schloss die Augen fest, schloss die Lippen, schloss das Herz. Sie verletzte sich dabei in der unsichtbaren Spiegelung und ihr Schutzbann war gebrochen, das spürte sie. Der Widerstand schmolz. Sie setzte sich an den Tisch und ihre Schultern sanken. „Ich bin so müde, ich kann nicht weg“. „Dann bleib“, sagte Wender.

 

„Warum ist diese Welt so ganz anders, als wir sie uns vorstellen ?“, fragte sie ihn, als er sie umklammerte. „Es gibt keinen Weg zurück,“ sagte Wender lächelnd, „Ich mache jetzt meine Augen zu und sehe ein Welt, die wunderbar ist.“

 

 
#3537245 Drucken
Geschrieben von wender   
Sonntag, 23. August 2009

 Die Luft steht still in der alten Wohnung, hoch ragen die leeren Wände. Staubige Gedanken räkeln sich langsam wie in zähflüssigem Honig in den einzelnen Sonnenstrahlen, die durch die zerschlissenen Stoffvorhänge in den Raum fallen. Nur das leise Rascheln von Papier, aus dem hintersten Zimmer kommend, verrät Stein, dass er gefunden hat, wonach er suchte. Langsam, vorsichtig stößt er die Flügeltür auf, ein Geruch von Mottenkugeln, Dachbodenstaub und, natürlich, Nelken verbeißt sich in Steins Nase, dann in seinem Rachen und erfüllt seine Lungen mit einem betäubendem Brennen.

Das Regal erstreckt sich über die ganze Wand und ragt drei Meter hoch auf, die meisten der Bücher sind noch da, doch mehrere Lücken blecken sich wie die ausgefallenen Zähne eines mehrreihigen Rachens. Das Rascheln kommt aus der Ecke des Raumes, hoch oben, auf dem obersten Rahmen des Regals unter der leicht geschwärzten Decke, doch es verstummt, als Stein sich räuspert und endgültig den Raum betritt. Die schwarzen Augen des Bibliothekars, die wie winzige dunkle Murmeln unmittelbar nebeneinanderliegen, mustern Stein mit undeutbarer Konzentration, während einer der vier dürren, mehrfach gebrochenen und in schmerzhaft anzusehenden Winkeln zusammengewachsenen Arme in der Bewegung innehält, die eben herausgerissenen Seite des Buches auf halbem Wege zwischen dem Regal und dem reglos geöffneten Mund mit den winzigen, nadeldünnen Zähnen.

- Guten Appetit, sagt Stein und blickt sich um. Tief unter dem achtbeinigen Bibliothekar türmt sich ein kleiner Haufen Papierfetzen auf einem alten Polstersessel. - Du erlaubst? Ohne die Antwort abzuwarten rückt Stein das Möbel vor das aufragende Regal, streift die intensiv nach Nelken riechenden Überreste des Mahls zu Boden und nimmt Platz, den Kopf zurückgelegt, um den hoch über ihm thronenden Bibliothekar zu mustern, der langsam sein Mahl fortsetzt. Mit einer komplizierten Bewegung verkeilen sich vier Beine, in schwarze, fadenscheinige  Hosen gehüllt, zwischen Decke, Wand und Regal, während drei der untätigen Arme locker herabhängen. Leise rieseln Papierfetzen zu Boden, bis Stille einkehrt.

Die Stimme des Bibliothekars ist hoch und kratzig. - Der Zweite Geheime Sarkast des Unsichtbaren Hofes, sieh an. Was verschafft mir die unerwartete Ehre, Stein? 

Stein lächelt. - Wie überaus liebenswürdig. Ich erinnere mich an unser letztes Treffen, das etwas an Zivilisiertheit zu wünschen ließ ... Wie geht es dem Arm?- Der Bibliothekar zischt und verschränkt seine vier Arme vor seiner schmalen Brust. - Genug geplaudert, Stein.

-Nun gut. Stein steht auf. - Wir haben Wender gefunden.

 

 

 
#33: FLow Drucken
Geschrieben von wender   
Samstag, 8. August 2009

 Mit den Kopfhörern verwandelt sich die Stadt in etwas anderes. Der Raum wird durchlässig, wird zum Begleittrack des Basses, der dir in seiner ruhigen Festigkeit den Takt deiner Gedanken vorgibt. Joy in repetition , die Monotonie ist dein Freund. Eine Falltür zum Keller der wirklichen Stadt, in der du die Gedanken ihrer Bewohner nicht mehr so deutest wie sonst.

Es ist eine Aufladung mit Style, nicht nur deiner selbst, sondern auch der ganzen Kulisse. Die Graffiti-Tags werden plastisch, zeigen dir, dass hier eine eigene Sprache und Politik der Zeichen existiert, die den wissenden, aber auch dem, der nur ahnend mit dem Beat im Ohr daran vorübergeht, aufzeigt, dass am Rande deines Blickfelds etwas ist, was du normalerweise nicht wahrnimmst. Dabei ist es unerheblich, ob die Urheber hier nur wie Hunde ihr Territorium markieren, die Bedeutung der Zeichen ist sekundär. Ihre bloße Existenz aber gibt den blick auf eine andere Stadt frei, eine Stadt der Geheimnisse, die auch in der Welt derer, die sie nicht sehen, stets präsent und dem, der schaut, offenbar ist. Es ist einfach, die Stadt mit der richtigen Musik zu verwandeln. Die hypnotisierende, täuschend einfache Nichtmelodie macht es automatisch mit dir.

Schwierig ist es, sich dieser spezielle Deutung der Stadt zu entziehen, den Scheinwefer ohne Anlass auf die ecken deines Sehens zu richten, die du deshalb nicht siehst, weil sie für dich keine Bedeutung haben. Die Zeichen, die sich dir verschließen, brauchst du ja im Normalfall nicht zu sehen, die Effizienz unseres Daseins hängen daran, zu abstrahieren, das Wichtige zu erkennen, das Unwichige, Beiläufige zu übersehen und eine Interpretation der aufgenommenen Daten als Handlungsanleitung an uns weiterzugeben.

Deshalb versagt das Gedächtnis bei der Beschreibung deiner Welt – welchen Mantel trug der Mann in der Straßenbahn, der zehn Minuten direkt vor dir saß und wie gebannt sein Spiegelbild in der Halbreflexion des Glases fixierte? Irrelevant.

 

 
#7654 Drucken
Geschrieben von wender   
Dienstag, 4. August 2009

 Was die Welt von Wender weiß, ist nicht die Wahrheit. Es ist auch nicht die Unwahrheit; die Dinge sind nicht so einfach, wenn es um Wender geht und um die Dinge, die er mir gesagt hat.

Wenn wir alle in einem Labyrinth lebten, so hat Wender mir gesagt, in einem Laybyrinth, dessen Ausmaße so gewaltig sind, dessen Komplexität so groß ist, dass wir nur mit Glück, durch Zufall oder Mühe erkennen, dass wir uns überhaupt darin befinden, dann würden wir es nie verlassen, sondern darin leben, ohne auf den Gedanken zu kommen, es gäbe einen Weg hindurch.

Wohin würde dieser Weg auch führen -- ins Innere des Labyrinths oder daraus hinaus? Die Welt ist ein Labyrinth, tatsächlich, sagte mir Wender, und in seinen Pfaden und Sackgassen findet unser Leben Platz. Manche von uns, sagte Wender und blickte mir spöttisch in die Augen, manche von uns leben an seinen Kreuzungen, wo ein Pfad vielleicht an ein Ziel führt, der andere in eine lange, verwinkelte Sackgasse, in der wir uns heimisch niederlassen, um die erdrückenden Wände um uns als unsere Horizonte, die Irrwege um uns als unsere Möglichkeiten anzuerkennen.

Dieser Typ treibt mich noch in den Wahnsinn, sagte Claire und stellte mit einem Stirnrunzeln ihr Weinglas am Geländer der Aussichtsplattform ab. Große Worte, und nichts dahinter. Ich kenne den Typ von Rattenfänger.Pass bloß auf, murmelte sie, pass bloß auf.

 

 
#1654: Die andere Seite Drucken
Geschrieben von wender   
Montag, 3. August 2009

 Ich beobachte dich, tandaradei, solange ich will, tandaradei,

kannst nicht weg, nirgends hin, weil ich immer da, wo bist, bin.

 

Brauchst keine Angst haben, tandaradei,

will dir nichts – oder doch – tandaradei.

 

Muss dich nicht suchen – finde dich immer, tandaradei

Du starrst, ich lächle, was ist schlimmer?

 

Ich weiß ja, du magst mich nicht, schreckst dich vor deinem eigenen Gesicht.

Mir ist das einerlei, sind wir eins oder zwei – wen juckst? tandaradei

 
#1782 Drucken
Geschrieben von wender   
Sonntag, 2. August 2009

 Ich muss darauf achten, dass ich dem Spiegel entkomme, nicht in sein Blickfeld gerate, keinen Augenkontakt aufnehme ... gestern habe ich darin versagt.

Ich weiß nicht, wie lange ich vor ihm stand, gebannt durch seinen Blick, durch seine unerbittlichen Augen, die jeder meiner Bewegungen folgten. Nach Stunden war sein Interesse plötzlich erloschen und er wandte sich mit einem Ausdruck der Abscheu ab und brach den Bann, den sein Blick aus diesen dunklen Augenhöhlen auf mich ausübt. Meine Beine zitterten und ich musste mich mit wackligen Knien auf den schmutzigen Terracottaboden setzen, die aufgerissenen, roten Augen starr vor Erschöpfung, bis ich mich nach unbestimmter Zeit mit dem Rücken zum Spiegel mühsam wieder aufrichten konnte.

Als ich dort stand, ihm meinen Rücken zukehrend, wurde mir mit grausamer Sicherheit klar, dass er mich aus dem Spiegel weiter beobachtete, dass ich, wenn ich mich umdrehen würde, im sinnlos tapferen Versuch, diese absurde Gewissheit zu zerstören, ihm direkt in diese schwarzen Augen starren würde, mich erneut in seine Gewalt begeben würde. So stand ich mit gesenktem Kopf und verkrampften Händen mit dem Rücken zum Spiegel und spürte in meinem schweren Atem, wie sein Blick sich in meine hochgezogenen Schulterblätter bohrte, er mich mit diesen fremden Augen in meinem Gesicht abschätzig musterte ... schließlich brachte ich die Kraft auf, mich ohne einen Blick zurück langsam und mit schmerzenden Beinen aus diesem Gang des Hauses zu entfernen, wo ich Wender wieder gefunden hatte und er mich.